Was ist eine Konsultation der Kommission?

Mit dem Verfahren einer „öffentlichen Konsultation“ bittet die Europäische Kommission offen um Stellungnahmen von der Öffentlichkeit – von Bürgern bis hin zu Unternehmen -, um zu erfahren, ob es Probleme gibt, die gelöst werden sollten, ob EU-Maßnahmen in eine bestimmte Richtung gehen sollen usw.

An dieser Konsultation kann sich jeder mit seinen Antworten beteiligen. Im Fokus dieser Konsultation stehen das Urheberrecht und insbesondere die Schaffung eines neuen Verlegerrechts (16 Multiple-Choice-Fragen) sowie die „Panoramafreiheit“-Ausnahme (7 Multiple-Choice-Fragen). Sie können selbst entscheiden, welche Fragen Sie beantworten, aber die Antworten müssen bis zum 15. Juni eingehen.

Diese Konsultation stellt die letzte Gelegenheit dar, sich Gehör zu verschaffen, bevor die Europäische Kommission in diesem Herbst einen endgültigen Vorschlag für eine Urheberrechtsreform in der EU erstellt. Vor der Weiterarbeit wird die Kommission die Antworten prüfen und daraus ableiten, ob es in Bezug auf die Presseverleger Probleme gibt und ob die Befragten die Schaffung eines neuen Verlegerrechts für eine gute Idee halten.

Warum passiert das und warum gerade jetzt?

Der für das Urheberrecht zuständige deutsche EU-Kommissar Oettinger hat wiederholt gesagt (siehe hier und hier), dass er für eine EU-Version der Urheberrecht-„Google-Steuer“ – auch als „LSR“ (Deutschland) und „Canon AEDE“ (Spanien) bekannt – offen ist. Einige Presseverleger argumentieren auch weiter damit, dass das EU-Gesetz, das ein Verlinken und Teilen ohne Genehmigung des Urheberrechtsinhabers erlaubt, „klargestellt“ werden müsse, damit diese Aktivitäten ihrer Genehmigung bedürfen. Der Europäische Verlegerrat ist beispielsweise der Meinung, dass eine Verwendung von Inhalten durch „Indexieren“, „Bereitstellen von Snippets“ oder „Suchmaschinentechnologien“ einer „Genehmigung“ bedürfen soll. Diese Verleger haben auch hart dafür gekämpft, um eine entsprechende Gesetzgebung in Spanien und Deutschland zu erzielen.

Aber es gibt zunehmend mehr Ablehnung gegenüber diesen Plänen. Einige Verleger sowie Unternehmens- und Zivilgesellschaftsverbände haben sich dem auf europäischer Ebene vehement entgegengesetzt. Im Juli 2015 entschied sich das Europäische Parlament gegen ein europaweites Nebenrecht für Presse-Snippets (siehe hier). Schließlich richteten Ende vergangenen Jahres mehr als 80 Mitglieder des Europäischen Parlaments ein Schreiben an die Europäische Kommission, dass sie gegen diese Pläne sind.

Somit stieß dieser Vorschlag in Europa auf zunehmend kontroverse Reaktionen und die Kommission beschloss eine öffentliche Konsultation zu dem Thema, bevor sie im Herbst mit einem endgültigen Entwurf fortfahren wird. Daher bleibt wenig Zeit, um ein deutliches Signal zu senden, dass diese Art von Gesetzgebung nicht hilfreich ist.

Worum genau geht es bei der Konsultation? Eine „Snippet-Steuer“?

Höchstwahrscheinlich ja. Einige meinen, dass es sich hier nicht um eine „Link-Steuer“ handelt, da die neuen Rechte nur an Snippets geknüpft sind. Aber man kann sich ohne einen kurzen, beschreibenden Textauszug oder einen Titel kaum etwas unter einem Link vorstellen.

Wir wissen auch, dass einige Verleger immer noch auf ein Urheberrechtsgesetz drängen, bei dem Verlinkungen einer Genehmigung bedürfen. Und einige jüngste „Leaks“ der Kommission lassen sich weiterhin dahingehend interpretieren, dass eine Link-Steuer von ihr in Erwägung gezogen wird.

Und doch ist das Ganze alles andere als einfach. Diese Konsultation enthält hauptsächlich Fragen, daher sind die genauen Überlegungen der Kommission nicht klar. Jedenfalls ist klar, dass die Konsultation die Möglichkeit eines sogar breiteren Rahmens dieser neuen „Nebenrechte“ erwägt (bitte beachten Sie, dass die Bezeichnung „Leistungsschutzrechte“ („ancillary“ rights) aus der Übersetzung des deutschen Gesetzes stammt und dass die offizielle, von der Kommission verwendete Bezeichnung „verwandte Schutzrechte“ („neighbouring“ rights) lautet). Breiter in dem Sinn, als die Konsultation erwägt, ob diese Rechte nicht nur für Presseverleger, sondern auch für Buchverleger und wissenschaftliche Verleger geschaffen werden sollen. Und auch, weil damit nicht nur Snippets abgedeckt würden, sondern auch alle anderen digitalen und physikalischen Aktivitäten, die bereits unter das Urheberrecht fallen.

Im Kern könnten wir es also mit einer neuen Ausgabe an Verlegerrechten für alles, was schriftlich im Internet veröffentlicht wird, zu tun haben.

Haben Verleger in Spanien oder Deutschland mit diesem Nebenrecht an „Snippets“ irgendetwas erreicht?

Nein. In Deutschland hat es zum Beispiel dazu geführt, dass einige Verleger in lange Rechtsstreitigkeiten mit News-Aggregatoren (einschließlich Google) und anderen Akteuren verwickelt wurden, ohne positiven Ausgang für die Verleger. Ein Berliner Gericht hielt unlängst fest, dass die „Win-Win“-Situation – Vorteile für Nutzer, Presseverleger und Google – aus dem Gleichgewicht geraten würde, sollte Google gezwungen sein, für Snippets bezahlen zu müssen.

In Spanien wurden Google News und andere Dienste beeinträchtigt, was zu einem Traffic-Verlust für die spanischen Presseverleger und letztlich zu Gewinneinbußen insbesondere bei kleineren Online-Verlegern führte.
Von einem Geschäftsverband von Online-Diensten wurde ein Bericht mit Meinungen, Stellungnahmen und Untersuchungen zu den Auswirkungen der spanischen und deutschen Gesetze veröffentlicht, den Sie hier finden

Inwiefern schadet es Verlegern, die innovativ sein möchten?

Diese Gesetzgebung hat eine rückwärtsgewandte Gesinnung. Sie versucht die Wirkungsweise des Internet und Online-Business umzukehren, indem sie Verleger von Nachrichten und anderen Inhalten dazu zwingt, für das Indexieren und Teilen von Snippets im Internet Geld zu verlangen. Das zeugt von einem Missverständnis dafür, wie die Dinge funktionieren. Es ist kontraproduktiv, denn damit wird versucht, einem Business, das auf innovative Weise neue Geschäftsmöglichkeiten und -formen sucht, ein Geschäftsmodell aufzuzwingen: den Verkauf von Snippets und Links.

Die bisherigen Folgen davon waren in Spanien und Deutschland negativ: Es führte zu Rechtsstreitigkeiten und dem Aus für einige News-Aggregatoren. Das bedeutet weniger Besucherzustrom für Nachrichtenseiten und damit auch weniger Gelegenheiten, neue Leser zu finden und Geschäfte zu machen. Am meisten leiden Online-Verlage darunter. In Spanien wird generell geschätzt, dass Presseverleger 10 Millionen Euro pro Jahr verlieren (siehe hier).

Wenn Sie Google News, Facebook, Twitter, Start-ups und Innovationen als Chance für sich betrachten, wenn Sie das Internet nutzen möchten, um Ihr Geschäft zu stärken, dann wird es für Sie sehr viel schwerer werden. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Ihr Geschäftsmodell vom Internet oder von Creative Commons-Lizenzen abhängt, die mit dem Gesetz nicht kompatibel sind.

Das wurde von vielen innovativen Verlegern in Spanien hervorgehoben – ElDiario, 20minutos, adslzone.net, Hipertextual, elocuent, Weblogs SL, Yorokobu, teleprensa Madrid, Nexotur, Ecointeligencia Editorial, Teknlife, Actualidadblog, Trending Topic, FXStreet, Castellon Confidential, hostelsur.com, JP Media, Neupic, GoldandTime.org usw.

Ein neues verwandtes Schutzrecht für Verleger – würde mir das nicht mehr Geld bringen?

Nein! Es ist verlockend zu glauben, dass die Schaffung von neuen Urheberrechtsgesetzen das Leben leichter machen und einen neuen Geldfluss mit sich bringen wird. Aber dem ist nicht so.

Bis jetzt haben die Versuche in Spanien und Deutschland das nicht bewirkt. Vor allem, weil die Logik dieser Vorschläge falsch ist, denn sie versuchen die Art und Weise, wie Information im Internet funktioniert, umzukehren und zu der Ära der Geschäftsmodelle von Print-Verlagen zurückzukehren. Auch, weil sie die im Internet bestehende Wettbewerbsdynamik verändern: kurzfristig werden alle zu spüren bekommen, dass sich der digitale Traffic und die Einnahmen reduzieren. Langfristig schaden sie den weniger bekannten Nachrichtenmarken und innovativen Presseverlegern, die davon abhängen, dass das Internet wächst. Und sie schaden höchstwahrscheinlich der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Verleger im Internet, da sich nicht-europäische Verleger im globalen Internet behaupten werden.

Eine breitere Version dieser Rechte, die sich nicht nur auf Snippets, sondern auf alle andere Aspekte des Urheberrechts bezieht, würde ebenfalls keine neuen Einnahmen bringen. Die Verleger erhalten bereits das Copyright von ihren Journalisten und werden auch weiterhin Copyright-Verträge von Journalisten einholen müssen, um deren Artikel verwenden zu können. In dem Punkt gibt es also keine Veränderungen.

In der Tat werden die neuen Rechte auf alles, was heute „veröffentlicht“ wird – das meiste davon im Internet – hauptsächlich einen Irrgarten an Komplexität schaffen, der von Anwälten entwirrt werden muss, sowie Potenzial für Verwertungsgesellschaften, die zunehmend mehr in die Einnahmekanäle der Verleger – einschließlich der Online-Kanäle – involviert sein werden. Das bedeutet mehr Mittler, mehr Transaktionskosten und auch Bedarf an mehr Beratung, wenn Journalisten oder Verleger selbst Inhalte verwenden möchten, die sie im Internet finden. Man muss nur einen Blick auf das eher schlecht durchdachte spanische „Canon“ werfen: Die Verleger sind dadurch der Möglichkeit beraubt, entscheiden zu dürfen, was mit ihren Inhalten passiert, und sind gezwungen, eine Verwertungsgesellschaft dafür kassieren zu lassen. Ob sie wollen oder nicht.

Würde ein neues Urheberrecht uns Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern einen neuen Wettbewerbsvorteil verschaffen, mit dem wir unsere digitalen Geschäfte unterstützen könnten?

Das würde es ganz klar nicht. Sowohl in Spanien als auch in Deutschland haben diese Gesetze keine positiven Auswirkungen für Presseverleger gebracht. Sie haben den Verlegern geschadet, die am meisten vom Internet abhängen, um gefunden zu werden, da diese Verleger weniger Traffic bekamen.

Es ist unmöglich, die neuen Rechte auf „Presse-“Verleger zu beschränken, die Nachrichten veröffentlichen. Stattdessen beziehen sich die neuen Rechte auf Inhalte, die schriftlich veröffentlicht wurden („literarische Werke“). Heute wird das meiste davon online veröffentlicht. Somit würden alle online veröffentlichten Inhalte unter diese neuen Rechte fallen – einschließlich Nachrichten oder Unterhaltungsinhalte, die als Creative Commons erstellt wurden oder von einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt verfasst wurden.

Daher würden zum Beispiel öffentlich-rechtliche Sendeanstalten, die Nachrichtenbeiträge online veröffentlichen – wie die BBC im Vereinigten Königreich oder RTVE in Spanien – die gleichen Rechte erhalten. Das gilt auch für Blog-Inhalte – allein auf WordPress sind das 58,6 Millionen neue Posts und 49,9 Millionen neue Kommentare im Monat (siehe hier).

Hat das mit „Abgaben“ für Reprografien oder Privatkopien zu tun?

Die Konsultation der Kommission bezieht sich nicht ausdrücklich auf „Reprografien“ oder „private Kopien“. Diese Aktivitäten fallen unter eine Urheberrechtsausnahme, und im Gegenzug erhalten die Verwertungsgesellschaften eine „Kompensation“ von den Rechteinhabern.

Einige Verleger behaupteten, dass eine deutsche Regelung neue verwandte Schutzrechte erforderlich machen würde. Das macht wenig Sinn. Presseverleger in Spanien, im Vereinigten Königreich oder in Irlandsind beispielsweise überhaupt nicht davon betroffen. Ebenso wenig wie Online-Verleger. Es ist schon sonderbar, nach einem EU-Gesetz zu verlangen, um ein deutsches Problem zu lösen. Selbst wenn es ein Problem gäbe, würde die Schaffung von „neuen verwandten Schutzrechten“ für alle Verleger in keinem Verhältnis dazu stehen. Es ist ein technisches, „abgabenspezifisches“ Problem.

Die Verbindung zwischen der Reprografie und den verwandten Schutzrechten scheint künstlich und opportunistisch zu sein – eine Übertreibung, die dazu verwendet wird, erneut für ein neues Verlegerrecht einzutreten.

Unterscheidet sich diese Initiative von den gescheiterten Gesetzen in Spanien und Deutschland, die eingeführt wurden, um „Snippets“ zu schützen?

Es ist nicht ganz klar, welchen Rechtsrahmen die Kommission erwägt. Der für die Urheberrechtsstrategie der EU zuständige Kommissar Oettinger deutete bei mehreren Gelegenheiten an, dass er gern eine „Google-Steuer” entsprechend dem spanischen oder deutschen Modell hätte.

Die Konsultation der Kommission deutet darauf hin, dass das Gesetz nicht nur auf die Verwendung von Snippets im Internet beschränkt sein würde, sondern sich auch auf Buchverleger, Presseverleger und wissenschaftliche Verleger erstrecken würde. Und auch, dass sich das Gesetz auf alle Aktivitäten der Verleger ausdehnen könnte, nicht nur auf die Verwendung durch Aggregatoren: auch eine physikalische und digitale Verbreitung würde darunter fallen. Diese breitere Version würde sogar noch mehr Schaden verursachen und wird von führenden Akademikern bereits abgelehnt.

Das würde bedeuten, dass jedes „literarische Werk“ im Internet (bzw. alles, was schriftlich veröffentlicht wird) unter das neue Gesetz fällt. Die Konsequenzen für das Online-Publishing, das Internet, nutzergenerierte Inhalte, die Analyse von Internetdaten, Datenjournalisten, die Lizenzierungen und die Zahlungen an Verwertungsgesellschaften und anderes sind weitreichend und unvorhersehbar.

Warum sollte ich als Verleger mich damit beschäftigen?

Derzeit wird das in der Europäischen Union als etwas diskutiert, was Verleger wollen und aktiv fordern. Wenn Sie dem keinen anderen Standpunkt entgegenhalten, wird diese Auffassung bestehen bleiben. Anders ausgedrückt: Aus Brüssel wird zu hören sein, dass Presseverleger neue Rechte fordern, die klarstellen, wie Links und Snippets verwendet werden dürfen.

Und das ist auch schlecht für Sie. Es gibt mittlerweile mehr als genug Beweise, dass diese Gesetze nicht hilfreich sind, sondern kontraproduktiv und sich den Interessen aller Verleger entgegenstellen. Sie sind aber auch nicht gut für den Wettbewerb, für den Pluralismus oder für die Internet-Nutzer – was Ihnen als Verleger oder Bürger sicher wichtig ist.

Welchen Einfluss hat das auf mein Unternehmen?

Sollte ein Gesetz ähnlich dem deutschen oder spanischen Modell implementiert werden, würde Ihr Online-Geschäft darunter leiden, weil die Online-Verweise und auch der Traffic weniger werden würden. Einer spanischen Studie zufolge würden durch eine solche Leistungsschutzrecht-Regelung allein die Presseverleger einen Verlust von 10 Millionen Euro pro Jahr erleiden. Die Studie ergab, dass kleinere oder ausschließlich im Internet tätige Verlage am meisten darunter zu leiden hätten, da sie besonders vom Internet abhängen, um ihr Publikum zu erreichen.

Als unmittelbare Auswirkung dieser Gesetze wird der Besucherzustrom von Online-Seiten, die neue Besucher zu den Nachrichten führen, zurückgehen, da es viel komplizierter werden wird, Nachrichten und andere Online-Inhalte zu aggregieren und zu teilen.

Diese Verweise von Websites oder Diensten Dritter (Google, Facebook, Twitter, E-Mails, Instant Messaging usw.) machten 2014 bei den größeren Presseverlegern in Spanien, Deutschland, Frankreich, Italien und im Vereinigten Königreich 66 % des Online-Traffics aus. Die übrigen 34 % griffen direkt auf die Websites der Verleger zu. Dieser Verweis-Traffic brachte 2014 einen geschätzten Wert von 746 Millionen Euro laut Deloitte, ein Wert, der durch diese neuen Gesetze, die den Online-Traffic einschränken oder dafür Geld verlangen, in Gefahr gerät. Es gibt keinen wirklichen Vorteil dabei, denn die Leser werden, wenn sie nur schwer an Ihre Inhalte gelangen, deswegen nicht mehr Print-Zeitungen kaufen. Eine viel einfachere Lösung für die Leser ist es, stattdessen einfach nicht-europäische Publikationen im Internet zu lesen.

Auch könnte Ihnen die Kontrolle abhanden kommen bzw. würden noch mehr Ihrer Einnahmen von den Verwertungsgesellschaften verwaltet werden. Sowohl das spanische als auch das deutsche Modell ist gescheitert, aber sie bauen auf Verwertungsgesellschaften, die die Einnahmen (per Gesetz oder in der Praxis) verwalten.

Gibt es weitere Risiken, die mit diesem „verwandten Schutzrecht“ verbunden sind?

Es besteht ein klares Risiko, dass es sich auf Ihr digitales Business auswirken wird und dass Sie – wie in Spanien und Deutschland der Fall – es schwerer haben werden, sich eine Online-Präsenz aufzubauen.

Auch wird es rechtliche Unsicherheit schaffen und Jahre an harten politischen Kämpfen mit sich bringen, gefolgt von Jahren an Streitigkeiten, damit das funktioniert. Davon wird niemand profitieren.

Es besteht ein klares Risiko, dass die Gesetzgebung, noch bevor sie verabschiedet wird, in unvorhersehbare und kontraproduktive Richtungen geht. Die EU-Gesetzgebung benötigt lange und bezieht eine breite Palette an verschiedenen Akteuren mit ein. Beispielsweise könnte sich die Diskussion ziemlich wahrscheinlich auf die vertraglichen Beziehungen zu Journalisten ausdehnen oder auf die Einbeziehung der Verwertungsgesellschaften, die neue Einnahmekanäle verwalten möchten.

Das wird sich auch negativ darauf auswirken, wie die EU die Branche der Presse- und Unterhaltungsverleger wahrnimmt. Erstens handelt es sich um einen höchst kontroversen Vorschlag mit beträchtlich hohem Preis, indem die Internet-Nutzer und Technologien zur Platzierung von Inhalten gegen die Verleger ausgespielt werden. Die Verleger werden als eine nicht innovative Gruppe wahrgenommen, die sich dem digitalen Übergang widersetzt und bereit ist, Internet-Nutzer als Gegner zu sehen. Zweitens wird das von anderen wichtigen Problemen ablenken – wie eine gleiche Umsatzsteuer für digitale und Print-Produkte oder die Revision der Medienregulierung der EU – und die Mitsprachemöglichkeiten der Verleger dazu eindämmen.

Stimmt es, dass die Gesetzgeber „vergessen“ haben, Zeitungsverlegern ein eigenes Recht zu geben?

Nein. Es wäre nicht richtig zu behaupten, dass Presseverleger keine eigenen Rechte haben, weil sie bei der Aktualisierung des Urheberrechts für das digitale Zeitalter „vergessen“ wurden.

Verleger zählen zu den vielen, vielen anderen Akteuren der Kreativbranche: Spielentwickler, App-Entwickler, Musikverleger, Filmverleihe, Fotografen, Agenten und sogar Verwertungsgesellschaften. All diese Akteure erhalten das jeweilige Copyright aufgrund von Verträgen mit den schöpferisch Tätigen.

Kein eigenes Urheberrecht zu haben, bedeutet nicht, dass Ihre Investition nicht geschützt oder wertlos ist. Es bedeutet, dass Sie über einen Vertrag zum Copyright gelangen. Oder sollten all jene, die über Copyright-Verträge verfügen, neue verwandte Schutzrechte erhalten?

Haben die Gesetzgeber bei der Konzipierung der Urheberrechtsgesetzgebung das Internet „vergessen“?

Ganz sicher nicht. Die wesentliche Urheberrichtlinie der EU ist die Richtlinie 2001/29/EG. Sie wird „Richtlinie zum Urheberrecht in der Informationsgesellschaft“ genannt. Sie wurde speziell dafür konzipiert, die Urheberrechtsinhaber im Internet und im digitalen Zeitalter zu schützen. Das erfolgte hauptsächlich durch die Schaffung eines Rechts, um deutlich zu machen, dass auch Digitales unter das Urheberrecht fällt – das „Recht der öffentlichen Zugänglichmachung von Werken“.

Wäre dieses neue Recht „gesetzmäßig“?

Die Konsultation deutet nur vage an, wie dieses Recht aussehen würde, somit lässt sich nicht mit einem klaren „Nein“ antworten. Von Akademikern wurden aber Bedenken erhoben, dass dadurch das EU-Recht und das internationale Recht verletzt – zumindest was den spanischen Vorschlag betrifft, siehe hier. Und es wird ernsthaft gefragt, inwieweit dieses neue Recht dem international anerkannten „Zitatrecht“ und der „Informationsfreiheit“ entspricht. Auch die USA haben das „Leistungsschutzrecht“ als Handelsbarriere bezeichnet – siehe Informationsblatt: Haupthindernisse für den digitalen Handel – und als „Willkürsteuer gegen Firmen, die dabei helfen, den Verlegerseiten Besucher zuzuführen“.

Was bedeutet Panoramafreiheit?

Was die Panoramafreiheit betrifft, gibt es keine EU-weite Ausnahme, die die Verwendung der Fotos von Gebäuden (vom Atomium bis hin zum beleuchteten Eiffelturm) oder von urheberrechtlich geschützten Plastiken erlaubt. Je nach Land kann also das Einstellen solcher Fotos bei Facebook oder Wikipedia eine Urheberrechtsverletzung darstellen. Beispielsweise entschied ein schwedisches Gericht kürzlich auf die Beschwerde einer Verwertungsgesellschaft hin, dass derartige Bilder auf Wikipedia nicht erlaubt seien.

Handelt es sich hier um eine „Google-Steuer“?

Viele nehmen auf diesen Vorschlag mit der Bezeichnung „Google-Steuer“, „Link-Steuer“ oder „Snippet-Steuer“ Bezug. Bei den Gesetzen in Spanien und Deutschland war es teilweise das Ziel, Google ins Visier zu nehmen und das Unternehmen für Snippets von Pressetexten bezahlen zu lassen.

Der gewünschte Effekt blieb aber bis jetzt aus, denn Google stellte seinen Google News-Dienst für Spanien ein.

Um zu diesem Ergebnis zu gelangen, wurde das Urheberrecht benutzt. Das Urheberrecht ist wie ein Eigentum – das betrifft jeden, der die Schwelle zu Ihrem Eigentum überschreitet, sei es Google oder jemand anderes. Man kann kein Urheberrechtsgesetz verfassen, das besagt, dass eine Urheberrechtsverletzung ausschließlich durch Google vorliegt, und jede andere Verwendung in Ordnung ist.

Daher kam der Vorschlag, ein Urheberrecht für Textauszüge aus Nachrichten (Snippets) zu schaffen, sodass es für Online-Dienste und Nutzer schwerer wird, Textauszüge zu verwenden. Nachdem solche Snippets oft für die Erstellung von Links verwendet werden (um zum Beispiel zu beschreiben, wohin der Link führt), nennen es manche eine „Link-Steuer“. Wie auch die Bezeichnung „Google-Steuer“, ist auch das nur eine Annäherung an das Eigentliche.

Wie auch immer, „Text-Snippets“ werden von einer viel breiteren Vielfalt an Online-Diensten genutzt und nicht nur von Google, um Besucher zu Nachrichten- und Unterhaltungs-Websites zu führen. Im Durchschnitt stammt ein Drittel des Besucherzustroms von großen Presseverlegern aus direktem Zugriff (indem die Nutzer lemonde.fr, elpais.com, repubblica.it usw. in ihren Browser eingeben). Alle anderen Besucher kommen – wie eine Studie von Reuters zeigt – über Suchmaschinen wie Google oder Bing, über News-Aggregatoren, Social Media wie Twitter oder Facebook, E-Mails, Apps usw. zur Website.

Tabelle 3-2: Zugang zu Nachrichten – Digital News Report vom Reuters Institut 2015, S. 76.

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